AMICA e.V.

Frauen im vergessenen Konflikt
„Das ist ein Krieg der Superlative: ein großer Konflikt, die größte Vertreibungskrise, die größte humanitäre Krise.“ Mit diesen Worten beschreibt Britta Wasserloos, Referentin für Auslandsprojekte bei AMICA, nicht etwa den weltbekannten Krieg im Gazastreifen, sondern einen brutalen Bürgerkrieg im Sudan – einen der meistvergessenen Konflikte unserer Zeit.
Gleichzeitig herrscht in den anglophonen Regionen Kameruns ein langjähriger bewaffneter Konflikt, der von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet bleibt. Beide Konflikte verbindet eines: Frauen und Mädchen sind besonders betroffen. Sie erleben sexualisierte Gewalt, die systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird.
Diese Frauen zu stärken, ist das zentrale Anliegen von AMICA. Die politisch und konfessionell unabhängige Freiburger Frauenrechtsorganisation engagiert sich seit 1993 für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten weltweit. In Kooperation mit lokalen Partnerorganisationen schafft AMICA Schutzräume und bietet psychosoziale Hilfe an. Dabei stärkt sie nachhaltig die Strukturen vor Ort. Gerade für wenig beachtete Konflikte ist es jedoch besonders schwer, öffentliche Unterstützung zu mobilisieren.
Einsatz im Schatten der Weltöffentlichkeit
Seit 2023 im Sudan Kämpfe zwischen Regierungstruppen und paramilitärischen Einheiten ausgebrochen sind, gehören dort Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung zum Alltag. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen, die Opfer von Vergewaltigungen und Verstümmelungen werden, oder gewaltsam verschleppt werden. Sexualisierte Gewalt wird instrumentalisiert, um Angst zu verbreiten und Gemeinschaften zu destabilisieren. Zudem ist der Zugang zu humanitärer Hilfe massiv eingeschränkt. Krieg und Hunger haben über 12 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen.
Laut der ägyptischen Regierung sind seit Konfliktbeginn etwa 1,5 Millionen Menschen nach Ägypten geflohen – die Mehrheit davon Frauen und Kinder. Dort sieht sich die stigmatisierte Gruppe erneut Belästigungen und Übergriffen ausgesetzt. Viele der Betroffenen leiden stark unter Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Hinzu kommt, dass viele Geflüchtete ohne rechtliche Dokumente leben. Die Angst vor Inhaftierung oder Abschiebung hindert sie daran, Gewalt anzuzeigen oder Schutz zu suchen.

Stigmatisiert, mittellos und getrennt von ihrer Gemeinschaft fällt es diesen Frauen besonders schwer, ein neues Leben aufzubauen. In Kairo, wo die meisten sudanesischen Geflüchteten leben, arbeitet AMICA daher seit 2024 mit sudanesischen Frauenrechtsaktivistinnen der lokalen Bana Group zusammen. Ziel ist es, das psychosoziale Wohlbefinden von rund 100 Betroffenen an neun Standorten in Kairo zu verbessern und durch Multiplikationseffekte rund 500 bis 750 Mitglieder der Familien und Gemeinschaften der teilnehmenden Frauen zu erreichen. Das soziale Umfeld Letzterer profitiert dabei beispielsweise von den neu erworbenen Bewältigungsstrategien der Frauen.
Das Projekt umfasst psychosoziale Unterstützungsangebote, sichere Räume, Sensibilisierungsveranstaltungen sowie weitergehende psychologische Beratung. Verschiedene Gruppenangebote fördern Solidarität und langfristige Unterstützungsnetzwerke, während Schulungen für Multiplikatorinnen und ein Mapping vorhandener Hilfsangebote den nachhaltigen Zugang zu Unterstützung sichern. Die Frauen werden somit gestärkt, Alltagsherausforderungen besser zu bewältigen, aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben und Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Mithilfe der JUVE Awards Spenden kann AMICA das Projekt in Kairo durch zusätzliches Fachpersonal oder Räumlichkeiten ausbauen – und perspektivisch auch auf andere ägyptische Städte sowie weitere Zufluchtsländer wie Uganda oder Libyen ausweiten.

Seit 2017 wütet auch in Kamerun ein bewaffneter Konflikt, dem die Weltöffentlichkeit kaum Beachtung schenkt. Die sogenannte ‚anglophone Krise‘ hat sich in den beiden englischsprachigen Regionen des Landes zu einem separatistischen Bürgerkrieg gegen das nationale frankophone Militär entwickelt – laut dem Norwegian Refugee Council eine der am stärksten vernachlässigten Vertreibungskrisen weltweit.
Auch hier sind Frauen und Mädchen besonders betroffen: Sie erleben geschlechtsspezifische Gewalt, werden aus ihren Lebensumfeldern vertrieben und müssen oft ohne Zugang zu Erwerbsmöglichkeiten oder Investitionen allein für das Überleben ihrer Familien sorgen. Der Bedarf an psychosozialer Unterstützung, ökonomischem Empowerment und Aufklärungsarbeit ist enorm.
AMICAs Projekt in Kamerun ist ein Pilotvorhaben zur langfristigen Zusammenarbeit mit Frauen- und Jugendgruppen in den Regionen Littoral und West, die sich für gewaltbetroffene Frauen im anglophonen Konflikt einsetzen. Neben Projektarbeitsschulungen unterstützt AMICA die Gruppen bei der Fördermittelbeantragung. Mit den Spenden will die NGO die Partnerorganisationen nachhaltig stärken und tragfähige Strukturen vor Ort aufbauen – darunter Anlaufstellen für Betroffene und psychosoziale Unterstützung durch lokale Fachkräfte. Diese Initiativen fördern nicht nur die Gleichstellung der Geschlechter, sondern leisten auch einen Beitrag zum langfristigen Aufbau einer friedlichen und inklusiven Gesellschaft in Kamerun.

AMICA e.V. ist eine unabhängige Freiburger Frauenrechtsorganisation, die sich weltweit für die Rechte, den Schutz und die Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten einsetzt. Dabei arbeitet sie eng mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, die Schutzräume schaffen und psychosoziale Hilfe leisten. So stärkt die Organisation lokale Strukturen sowie Expertise und schafft zugleich Arbeitsmöglichkeiten vor Ort. AMICA ist unter anderem stark in vergessenen, aber verheerenden Konflikten wie im Sudan oder in Kamerun aktiv, wo sexualisierte Gewalt gezielt als Kriegswaffe eingesetzt wird.
Fotos: Jeannette Petri; Samy Ali; Jeannette Petri